Wolfgang Buchhorn, Meditationslehrer

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© Wolfgang Buchhorn

Bei dieser Frage hätte ich mich beinahe verführen lassen einfache Stichworte aufzulisten, was wichtig sein könnte wie Liebe, Wohlfühlen, Freiheit, Freundschaft, … alles nicht falsch, doch war mir das nur vordergründig, folgenlos nett, Ideen aus Platons Ideenhimmel.

 

„Wirklich“ hat etwas mit „Wirken“ zu tun, mit „Wirklichkeit“ und dort nehme ich u.a. Mutlosigkeit, Angst, Gleichgültigkeit wahr, vor allem eine nicht nur sprachliche Verwahrlosung.

Wirklich-wirklich wichtig ist mir die Bewahrung und Stärkung der Sakralität des Menschen oder mit Albert Schweitzer gesagt: Ehrfurcht vor dem Leben, die mit der Unantastbarkeit der Würde des Menschen nur unzureichend beschrieben ist. Diese Ehrfurcht gründet auf der Einzigartigkeit jedes Menschen, seiner Verletzlichkeit, seiner Liebesfähigkeit, seiner Endlichkeit, seiner Geschichte, Kultur, nicht zuletzt, dass ich von ihm lernen und mich in ihm erkennen kann. Der andere Mensch ist für mich Herausforderung und Frage an mich gleicherweise. Was mir wirklich-wirklich wichtig ist, ist somit die Wertschätzung des anderen und die nie endende Selbsterkenntnis: welche Aufgabe stelle ich mir in dieser komplexen Welt? Was macht sie mit mir?

Die Frage nach der Wichtigkeit ist so auch die Frage nach dem Sinn in meinem Leben. Sinn manifestiert sich im Erfahren und Gestalten des eigenen Lebens im Rahmen des Eingebundenseins in die Welt.

Deshalb reduziert die Sakralität des Menschen ihn nicht allein auf Leistung, Nutzen und Funktion, sondern meint den konkreten Menschen mit der freien Entfaltung seiner Möglichkeiten, solange sie niemandem schaden, demütigen, behindern oder ausgrenzen. Sie verhindert, dass Menschen zur Ware, zum Objekt, zum bloßen Kostenfaktor werden wie es die derzeitige Wirtschaftsideologie fordert und fördert und damit seine Würde aushöhlt.

Wirklich wichtig ist mir die Einsicht, dass meine Wahrnehmungen von Welt immer nur meine Deutungen sind, die zunächst auch nur für mich gelten; das stimmt für die Wahrnehmungen der anderen ebenso; alle Deutungen sind vorerst richtig; doch sind sie alle unzureichend. In der lernbereiten, weil offenen Kommunikation schält sich dann eine zutreffendere Deutung heraus. Dieser Aspekt fördert eine rationale Auseinandersetzung und die gegenseitige Wertschätzung ohne den emotionalen Anteil dabei zu ignorieren, sondern ihn als wesentlich einzubeziehen. So ist mir eine Kommunikation wichtig, die verwandt ist mit Kommunion.

Im Umgang mit anderen, vor allem mit Jugendlichen, ist mir Ermutigung wichtig, Neugierde zu wecken, Irrtumsfreundlichkeit zu fördern wie auch Kreativität, Fantasie, Mut, Mitgefühl … Das stärkt das Selbstvertrauen und gehört zu Aspekten, in denen sich jeder Mensch ausprobieren darf und darin seine Einzigartigkeit erlebbar, sichtbar und lebendig wird.

Für mich ist die Zukunft jedes Menschen offen –auch meine und damit unterliegt auch das, was für mich wichtig ist, der Veränderung. Doch es gibt Konstanten. Wichtig ist mir eine Zukunft, in der sich so angstfrei wie möglich leben lässt. Dazu gehören gesellschaftspolitische Bedingungen, für die ich als Bürger mitverantwortlich bin, etwa in der Ökologie, in einer Friedenspolitik. Das Netz von einander bedingenden und sich gegenseitig stärkenden (oder schwächenden) Haltungen ist kein nur individuelles Unternehmen, sondern findet in einem politischen Raum statt. Deshalb ist mir wirklich-wirklich wichtig, dass dieser Raum tatsächlich demokratisch und rechts-staatlich organisiert ist und ein Höchstmaß an Lebendigkeit ermöglicht (statt bürokratischer Enge wie sie in unserem siechenden Schulsystem herrscht und die Lebendigkeit von Lehrern und Schülern weitgehend erwürgt). Freiheit  –physisch, psychisch, sozial, ökonomisch, politisch,…  – ist dabei ein nie endender Prozess des Wachsens, des Veränderns, der Vision, ein Wagnis, das auch scheitern kann.

Ein vorletzter, bedeutender Punkt zu dem, was mir wirklich-wirklich wichtig ist, besteht im Bewusstsein meines jederzeit möglichen Todes. Das erinnert mich daran, meine Zeit hier und jetzt zu genießen, mich an der Vielfalt des Lebens zu erfreuen, Lust zu spüren, zu lieben, meinen Horizont zu erweitern und meine Zeit inhaltlich sinnvoll –nämlich mit dem, was mir wichtig ist-   selbstbestimmt zu füllen.

 „Wer bist du geworden, wenn das Licht ausgeht?“ ist eine wichtige Frage, denn für mich beginnt die Verwahrlosung des Menschen mit einer zu engen Fantasie, die auch aus einer eingrenzenden Sprache kommt – wir denken sprachlich. Mein Gegengift: Literatur. „Was habe ich aus mir in meiner Freiheit und mit meinen Möglichkeiten gemacht? Kann ich mich ehrlichen Herzens mit mir und meinem Leben sehen lassen und nicht erst am Ende, mir und anderen gegenüber?“  Mit dem Fehlen eines Bewusstseins über das, was mir wirklich-wirklich wichtig ist, bleibe ich unterhalb meiner Möglichkeiten, eben Fragen-los, gestalte ich nicht.

Auf einen Satz gebracht: wirklich-wichtig ist der Sinn meines Lebens: nämlich Wachsen (an den Fragen Woher komme ich? Wer bin ich? Was ist das Leben?) und Lieben (Teilhaben, Verbunden sein, Ermutigen, Vertrauen).

Genau dies ist nichts Neues, es war unsere Lebenspraxis bereits im Mutterleib.

Der Realitätscheck: ich schaue auf das, was ich den ganzen Tag lang tue, denn was ich tue ist mir wichtig, sonst täte ich es nicht. Erschöpfe ich mich darin? Wieviel davon ist selbstbestimmt? Wieviel fremdbestimmt? Ist das Verhältnis erträglich? Kommt darin ausführlich und glaubwürdig das zum Vollzug, was mir wirklich wichtig ist? Und wenn es mich beruhigt, dann taucht die Frage auf: was ist meine nächste Vision für meine Zukunft? Dann suche ich unverkrampft nach einer neuen Antwort auf das, was mir wirklich-wirklich wichtig ist.

 

So gilt auch für diese Frage einer meiner Lieblingssätze von R.M.Rilke: „Man muss die Frage selber liebhaben, um eines fernen Tages in die Antwort hineinzuwachsen.“

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