Thomas Meyer, Autor

Was ist wirklich wichtig?

Auf seine seelischen Bedürfnisse zu hören und sie ernst zu nehmen.

Wie sind Sie zu dieser Haltung gekommen?

Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre. Mit Anfang zwanzig habe ich gemerkt, dass ich kreativ tätig sein will. Doch sofort begegneten mir Hindernisse: Zuerst musste ich meinen Eltern mehr oder weniger erfolgreich klarmachen, dass der Weg, den sie für mich gesehen hatten, für mich nicht stimmig war, und dann hörte ich von meinen Freunden, als ich denen sagte, dass ich in die Werbung gehen will, nur Entmutigungen.

Zum Beispiel?

Dass das eh nie klappe, dass es viel zu wenige Stellen gebe, dass es schwer sei, reinzukommen – was die Leute halt so erzählen, wenn sie sich und anderen ihre eigene Mutlosigkeit schönreden wollen.

Und?

Es war in der Tat nicht einfach, aber nach einem halben Jahr, währenddessen ich in einer Bar gearbeitet hatte, klappte es, und ich wurde Juniortexter. Das war mein erstes Erfolgserlebnis und die erste Bestätigung dafür, dass man an sich und seine Wünsche glauben muss. Aber das war natürlich nur der Anfang, es gab immer wieder Rückschläge und Irrwege. Vor sieben Jahren habe ich mich selbständig gemacht, was meine Eltern als unausweichlichen Schritt in die Randständigkeit betrachteten und durchaus immer wieder problematisch war. Das Geld war immer wieder alle.

Wie haben Sie die Schwierigkeiten überwunden?

Indem ich sie bewusst kleingeredet habe. Ich habe mir gesagt: Okay, da steht jetzt auf meinem Bildschirm, dass ich noch genau 500 Franken habe, aber das sind bloß Pixel, und Hunger habe ich keinen, und meine Miete ist auch bezahlt. Also machen wir weiter. Es war immer wieder mühsam, aber es war für mich immer noch besser als in einem Büro arbeiten zu müssen.

Warum?

Weil viele Menschen sehr ausgeprägte persönliche Probleme haben und ihre Umgebung dafür leiden lassen. In einer Büroumgebung steht man quasi im Kreuzfeuer der emotionalen Problemstellungen. Und zweitens hasse ich Sitzungen. Dieser Druck von der einen Seite und der finanzielle von der anderen haben mich immer wieder fragen lassen, was ich genau wolle. Aber es war mir immer lieber, unabhängig zu sein als wirtschaftlich abgesichert, zumal das ohnehin eine Illusion ist.

Unabhängigkeit ist keine?

Ich messe meine Befindlichkeit nicht zuletzt am Grad der Freiheit von lästigen Einflüssen, und unfruchtbare Diskussionen mit schlechtgelaunten Menschen sind für mich das weitaus größere Problem als der Verzicht auf Designermöbel.

Sie haben dann ein Buch geschrieben, »Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse« …

… ja, und dabei meine Arbeit als Freelance-Texter sträflich vernachlässigt. Ich kam wieder in existentielle Not, hatte aber so viel Spaß dabei und übrigens auch genügend Erfahrung mit diesem Zustand, dass es mir nichts mehr ausmachte. Vor allem aber wusste ich, dass ich mit diesem Buch das mache, was ich machen will, was mich beglückt und mir gut tut. Jeder sollte nur das tun, was ihm gut tut. Nichts anderes. Alles andere muss man sofort beenden. Das ist es, was ich als wirklich wichtig erachte.

War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie sehr stark nach Ihren eigenen Bedürfnissen leben werden oder gab es Phasen oder Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben?

Beides natürlich. Man zweifelt immer wieder. Die existentiellen Überlegungen habe ich erwähnt, aber es gibt ja auch soziokulturelle und moralische. Die Frage also, was sich gehöre. Wie man zu leben habe. Ich habe ein Kind mit einer Frau, aber wir sind kein Paar mehr, und als wir uns trennten, erhob sich reihum der Ruf: Aber ihr habt doch ein Kind! Doch auch hier gilt: Wenn es nicht stimmt, muss man es ändern.

Das ist für viele nicht einfach.

Nein, für niemanden, aber das ist nur eine Ausrede. Ich finde es wirklich wichtig, dass man seine Bedürfnisse ernstnimmt und sein Leben nach seinem Wohlbefinden ausrichtet, aber das ist ein sehr anstrengender, oft einsamer Weg, der viel Mut erfordert und einen immer wieder mit Zweifeln konfrontiert. Aber genau all das ist letztlich nur der Beweis dafür, dass man auf dem richtigen Weg ist. Er mag beschwerlich sein, aber es fehlt ihm ein wesentliches Element: das persönliche Unglück. Unglück ist immer ein Zeichen für den falschen Weg. Da kommen dann so euphemistische Sätze wie »Man kann halt nicht alles haben« oder »Wir haben halt gerade eine schwierige Phase zusammen«.

Wie kann man seine eigenen Bedürfnisse denn überhaupt kennenlernen, um ihnen anschließend gerecht werden zu können?

Ich glaube, nein, ich weiß: Diese Stimme ist in jedem von uns. Und sie spricht laut und deutlich. Man kann ihr natürlich widersprechen, aber sie wird nie verstummen. Sie wird immer wieder sagen: Schau, das tut dir nicht gut, das ist nicht in Einklang mit deiner Seele, das musst du ändern. Ich bin der Ansicht, dass jeder von uns sehr genau weiß, was ihm gut tut und was nicht. Das Problem ist halt, dass man unverzüglich handeln muss, wenn man auf diese Stimme hört. Man müsste dann beispielsweise sofort aufhören zu rauchen. Stattdessen redet man sich ein, der Moment sei schlecht. Aber es gibt für all die wichtigen Dinge nie einen guten Moment, denn man meint damit einen bequemen, leichten, und so funktioniert das Leben einfach nicht. Wenn man sich ernstnehmen will, muss man die Flip-Flops gegen die festen Bergschuhe tauschen.