Erwin Grosche

 

Ich habe mal auf einem Knäckebrot die Reste einer Leberwurst verstrichen. Die Hälfte des Brotes war danach aufstrichfrei und wartete auf eine zündende Idee. Plötzlich  entdeckte ich im Kühlschrank den vegetarischen Brotaufstrich, den meine Frau immer aß. Ich probierte es aus. Warum nicht? Was hatte ich schon zu verlieren? Ich beschmierte den freien Teil des Knäckebrots mit der vegetarischen Paste. Nun war die eine Hälfte des Knäckebrots mit der richtigen Leberwurst beschmiert und die vegetarische Paste bedeckte die andere. Plötzlich fiel mir auf, dass sich auf dem Knäckebrot zwei anders tickende Kräftefelder berührten. Ich meine, die Streichleberwurst hatte bestimmt noch nie was mit einer vegetarischen Paste zu tun gehabt. Diese beiden Brotaufstriche stehen ja in unterschiedlichen Lagern. Der eine will genossen werden, man soll sich damit stärken. Der andere will die Umwelt schonen und Verantwortung zeigen. Die beiden Brotaufstriche sind Ergebnisse von ganz anderen Lebensmodellen. Man grenzt sich bewusst damit ab. Nun lagen sie zusammen in unmittelbarer Nachbarschaft. Konnte das gut geh´n? Ich probierte es aus. Ich biss mal hier was ab und aß mal dort einen Bissen. Es schmeckte. Die Abwechslung machte Spaß. Das war wichtig. Das Treffen dieser Kontraste auf meinem kleinen Knäckebrot war mehr als eine Zweckgemeinschaft. Sie haben sich ergänzt. Aber da berührte sich nicht nur etwas. Als ich nämlich in den Einschnitt biss, also dort, wo sich der echte Leberwurstaufstrich und die vegetarische Paste berührten, entstand etwas Neues. Die grobe Leberwurst und die feine vegetarische Paste ergaben zusammen einen neuen Geschmack. Der schmeckte anders und raffiniert. Da wusste ich auf einmal, dass Zusammenleben möglich ist. Das Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zusammen leben können. Ich spürte, dass Unterschiede überbrückt werden können, wenn man sich bemüht und wahr nimmt. Man muss sich berühren lassen. Natürlich sollte es dabei auch eine gemeinsame Grundlage geben, die in meinem Fall das Knäckebrot gewesen war.  Und das ist dann wirklich wirklich wichtig.